Zur Linken und Rechten der fast 23 m breiten Aufgangstreppe mit 35 Stufen, die einen Höhenunterschied von nahezu fünfeinhalb Metern über-winden, befand sich einst ein mächtiger 87 m breiter Hallenbau mit einem Vorsprung an beiden Enden. Wahrscheinlich standen einst in den Seitentrakten des Hallenbaus, der die Freitreppe umschließt, Weihegeschenke, wie es zu jener Zeit üblich war.
Dieser monumentale Teil des Aufgangs aus der Zeit vor 200 v.Chr. erinnert stark an den Pergamon-Altar, der heute in Berlin steht. An die großen Freitreppe schließt weiter im Südosten das Propyläon an.
Die Treppe führt zu einer sieben Meter tiefen dorischen Säulenhalle von fast 23 m Breite, die durch elf Joche unterteilt ist. Die viersäulige dorische Front steht um zwei Joche vor der dorischen Säulenhalle.
Die im Nordwesten liegenden Räume hinter der Säulenhalle dienten entweder als Wohnung für das Kultpersonal oder als Raum für Weihegeschenke und lösten somit die üblichen archaischen Schatzhäuser ab. Nach dem Verlassen der Propyläen in Richtung Südwesten gelangt man in einen Vorhof, an dessen südöstlicher Ecke der Athena-Lindia-Tempel liegt. Der Tempel wurde direkt über der Stelle einer alten Kultgrotte, 115 m über dem Meer, nach dem Brand von 392 v.Chr. als dorischer Tempel mit archaischem Grundriss, wieder aufgebaut.
Der ältere Tempel, aus der Zeit vor dem Brand, entspricht dem Grundrisstyp des neuen Tempels und wurde von Kleobulos, einem der sieben Weisen der Antike, in der Mitte des 6. Jahrhunderts aus Holz errichtet. Auf dem Fries des Tempels aus der Zeit des Kleobulos stand in goldenen Buchstaben die 7. olympische Hymne für einen der berühmten Olympioniken der Antike, Diagoras aus Ialyssos. Er ging sowohl bei den pythischen und isthmischen Wettkämpfen als auch bei den Spielen im Olympia im Jahre 464 v.Chr. als Sieger hervor. Der antike griechische Dichter Pindar verherrlicht in dieser Hymne den jungen Helden und erwähnt auch Einzelheiten des lindischen Heiligtums, wie z.B. den heiligen Hain, der sich ehemals westlich des Tempels befand. Der heilige Hain des Athena-Lindia-Heiligtums scheint überhaupt ein großes Anliegen der damaligen Zeit gewesen zu sein.
Direkt vor dem Tempel im Westen mögen wohl ehemals die berühmten Statuen der rhodischen Bildhauerschule gestanden haben, wie u.a. die bekannte Laokoon-Gruppe, die heute im Vatikan-Museum zu sehen ist. Dieses Werk gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse rhodischer Plastik der hellenistischen Epoche.
Der Text wurde dem Reiseführer "Rhodos" vom Polyglott-Verlag Dr. Bolte KG München, 1972, entnommen.
ISBN3-493-60806-3